Schmuckstück herausgeputzt
BERICHT HAMBURGER ABENDBLATT / PINNEBERGER ZEITUNG
Die Schmuckstücke der Marsch werden herausgeputzt
Reetdachdeckermeister Hermann Suhr (46) und seine Kollegen legen das Reet auf den Dachstuhl und zurren es fest.Foto: Michael Rahn
Haselau. Fast 300 Jahre alt ist das Haselauer Landhaus. Und seit jeher ist es mit Reet gedeckt. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Das hat sich Otto Lienau, der Chef des Hauses, das von Beginn an der Familie gehörte, fest vorgenommen. Und wenn alles gut geht, wird auch Enkel Michel (7) die 13. Generation unter Reet durch die Geschichte führen.
In diesen Tagen wird ein Teil des Dachs, und zwar der zur Vorzeigeseite an der Hauptverkehrsstraße des kleinen Dorfes, neu eingedeckt. "Ich freue mich darauf, wenn ich im Sommer meine Gäste auf der Terrasse bewirte und dann auf das schöne Dach hoch schauen kann", schmunzelt Otto Lienau. In den vergangenen Jahren war dieser Blick immer sorgenvoller geworden. "Wir mussten dort was tun." Das Reet stammt vermutlich aus den 30er-Jahren.
Dank des Reetdach-Förderprogramms in der Aktiv-Region (siehe Infokasten) gibt es für die Investition einen schönen Zuschuss. 22,5 Prozent der auf 30 000 Euro geschätzten Kosten für die Teilerneuerung wird aus den Kassen von Kiel und Brüssel finanziert.
Den Auftrag hat Hermann Suhr aus Seester übernommen. Auch sein Betrieb ist alteingesessen. Urgroßvater Heinrich hatte ihn Ende des 19. Jahrhunderts in Elmshorn-Hainholz gegründet. Der Urenkel übernahm 1994 die Regie, baute langsam auf und aus. Er startete mit zwei Mitarbeitern. Mittlerweile gehören neun Angestellte und seit vorigem Jahr auch ein Lehrling zum Team.
Die Förderprogramme haben sich nach Suhrs Erfahrung bezahlt gemacht. "Wir haben eine sehr gute Auftragslage", sagt der Fachmann. Ein wenig schade findet er es natürlich, dass seit den 80er-Jahren kein eigenes Reet mehr an der Unterelbe geerntet werden darf - aus Naturschutzgründen. Als Kind hat er noch mitgeholfen. Geerntet wurde im Winter, wenn der Halm abgestorben und ausgetrocknet war.
Der Trocknungsgrad ist das A und O fürs neue Dach. Hermann Suhr pflegt in Seester ein großes Lager mit Reet aus Ungarn. Im rumänischen Donaudelta wird erst Ende April geerntet.
Auch Otto Lienau kann sich noch gut erinnern, wie in der Marsch das Reet geschlagen wurde. "Entweder man pachtete sich für den Winter eine Fläche, um sein Dach auszubessern oder teilweise zu erneuern, oder man kaufte von den Landwirten. Das reichte immer für unsere Region."
Doch statt Landwirtschaft übernimmt der Tourismus eine für die Wirtschaft wichtige Rolle. Das weiß Lienau nicht nur vom Reetdachprogramm, sondern auch aus seinem Betrieb. Das Haselauer Landhaus beherbergte als landwirtschaftlicher Betrieb, wie es früher üblich war, stets eine Gaststube. 1958 wurde die Gastwirtschaft ausgebaut. 1986 kam ein Hotel dazu, das jetzt von zwölf auf 20 Betten aufgestockt wird.
"Dank der Tourismusarbeit im Haseldorfer Elbmarschenhaus wird unsere Region immer bekannter", stellt Lienau fest. Immer mehr Tagesausflügler besuchen das kleine Dorf. Radwanderer kommen vom nahen Elberadweg, um im Landhaus zu übernachten. Zwölf Angestellte sind im Restaurant und im Hotel derzeit beschäftigt, darunter drei Auszubildende. Dazu kommen noch bei Bedarf bis zu 18 Aushilfen. "Wir müssen in der Marsch nicht nur Schlaforte sein, sondern auch Arbeit schaffen", sagt Lienau.
Mit dem neu eingedeckten Landhaus wird er garantiert mehr Besucher locken. "Viele Gäste, die aus der Stadt kommen, fragen uns, ob so ein Dach auch wirklich dicht ist", grient der Gastwirt aus Leidenschaft. Zögern muss er mit der Antwort nicht: Denn Reet bietet, wenn es gut verlegt ist und die Luft drumherum zirkulieren kann, einen optimalen Schutz und erfüllt jede neue Energiesparvorschrift.
Von Michael Rahn
Hamburger Abendblatt - Pinneberger Zeitung vom 1. April 2010




